Das kind in mir

Meine Eltern liessen sich scheiden, als ich drei Jahre alt war. Ich kann mich an dieses Ereignis nicht mehr bewusst erinnern. Es war für mich das Normalste auf der Welt, jeweils an den Wochenenden meinen Vater zu besuchen. Ich wuchs mit meiner sieben Jahre älteren Schwester und meiner Mutter in einer 5 Zimmer Wohnung in Embrach auf. Mein Vater wohnte einige Dörfer weiter in der Nähe von Winterthur. Meine Kindheit war im Großen und Ganzen ganz okay. Ich mag mich an vieles erinnern und denke an gute als auch schlechte Zeiten zurück. Ich war ein sehr verträumtes und verspieltes Kind. Meine Schwester und meine Eltern mussten mich ständig irgendwo suchen, weil ich einfach stundenlang draussen sein konnte und mich in verschiedenen Aktivitäten verlor. Ich war schon immer «anders als die anderen». Meine Mutter war sehr streng, mein Vater sehr gelassen. Ich wuchs zwischen den Fronten auf. Zwischen klaren Strukturen und Regeln, aber auch Gelassenheit und Freiheit.

 

Meine Mutter arbeitete Vollzeit, was zur Folge hatte, dass ich von einem Kindermädchen zum Nächsten geschoben wurde. Sie hatte aber auch keine andere Wahl. Wie sonst hätte sie Wohnung, Essen, Kleider, Schulausflüge, Geschenke zum Geburtstag und Weihnachten, Steuern,  Auto, allgemein den Lebensunterhalt, bezahlen sollen? Natürlich hat mein Vater uns stets unterstützt, aber das reichte nun mal nicht aus.

 

Meine Schulzeit habe ich hauptsächlich negativ in Erinnerung. Ich wurde bereits im Kindergarten gemobbt und das hat sich hingezogen bis in die Oberstufenzeit. Ich hatte immer durchschnittliche Noten, gab mir keine Mühe und machte lieber alles andere als Hausaufgaben oder lernen. Das Schulsystem habe ich noch nie verstanden. Ich fühlte mich in eine Reihe gezwängt, in die ich mich nicht einreihen wollte. Dennoch musste ich die Regeln befolgen, denn «sonst wird niemals etwas aus dir». Der altbekannte Standardsatz meiner Lehrer und Familie. Ich hatte nie viele Freunde, war nie besonders beliebt, ausser bei den Lehrern (Was mir bis heute ein Rätsel ist *Lach*). Vermutlich hatten sie Mitleid mit mir, oder erkannten etwas in mir, das andere nicht erkannten. Das ich nie mit vielen Freunden bereichert war, störte mich nicht, denn diese Erfahrung lehrte mich zu erkennen, welche Menschen gut und welche schlecht für mich sind.

 

Meine Schwester zog mit 17 aus. Da war ich zehn Jahre alt. Meine Mutter war da schon krank. Ein Tumor hatte sich in ihrem Kopf eingenistet. Sie wurde mehrmals operiert, jedoch immer ohne Erfolg. Die Tumore kehrten jedes Mal zurück. Ich musste also schon sehr früh Verantwortung übernehmen und lernen, selbständig zu sein und auf meine Mutter Acht zu geben. Diese Zeit war sehr hart für alle Beteiligten, aber besonders für mich. Durch die starken Schmerzen meiner Mutter war sie sehr reizbar und ich litt unter diesem Reiz. Egal was ich tat, es war nicht recht. Ich verlor durch diese Erfahrung ein Stück meines Selbstvertrauens, lernte aber gleichzeitig, selbständig zu sein. Am 25. Dezember 2009 ist sie gestorben, da war Ich 15 Jahre alt. Da stand ich also, ohne Boden unter den Füssen und konnte es nicht glauben. Mein Herz war gebrochen.

 

Meine Familie hat sich stehts um mich gekümmert. Schnell war klar, dass meine Schwester zusammen mit ihrem Freund  wieder nach Embrach zurückkehrte und wir eine WG gründen. Ich wollte zu dieser Zeit nicht zu meinem Vater ziehen, da ich nicht auch noch meine gewohnte Umgebung und meine Freunde verlieren wollte. Die Entscheidung, dass sich meine Schwester um mich kümmert, war in Ordnung für mich und ich bin auch froh und dankbar, dass wir diesen Weg gemeinsam so gegangen sind. Mein Vater hat sich selbstverständlich immer um uns gekümmert und mich weiterhin an den Wochenenden zu sich geholt.

 

Den Tod meiner Mutter hatte ich sehr lange verdrängt. Ich konnte immer darüber sprechen, jedoch komplett emotionsfrei, als wäre es einfach nur eine Geschichte aus einem schlechten Buch. Ich denke aber, dass diese Art der Verdrängung mich auch davon abgehalten hat, Dummheiten anzustellen. Mein Leben hätte auch in eine komplett andere Richtung verlaufen können, doch ich habe mich für diesen Weg entschieden.

 

Die Jahre vergingen, und ich wurde älter, reifer, erfahrener. Das Verhältnis zu meinem Vater wurde immer besser, während das Verhältnis zu meiner Schwester immer schlechter wurde. Kannst du dir vorstellen, wie es für eine 21-Jährige junge Frau sein muss, die Mutter zu verlieren und die 15-Jährige Schwester aufzuziehen? Die Mutterrolle zu übernehmen? Diese derart grosse Verantwortung zu tragen? Nebenbei ein Fulltimejob und eine Beziehung. Die Situation wurde mit den Jahren immer angespannter und als ich 18 war, beschlossen wir gemeinsam, dass es das Beste ist, wenn ich ausziehe. Ich war zu diesem Zeitpunkt noch in der Ausbildung. Doch es war die beste Entscheidung, die wir treffen konnten. Unser Verhältnis wurde besser, viel besser. Wir verstehen uns mittlerweile so gut wie nie zuvor. Mein Vater ist mein bester Freund. Ich liebe ihn mehr als alles andere auf dieser Welt, auch wenn wir so unsere Schwierigkeiten haben, uns das gegenseitig zu zeigen. Aber ein Gefühl sagt oft mehr als 1000 Worte.

 

Vor zwei oder drei Jahren war ich mit meinem Vater essen. Wir sprachen über die Vergangenheit, über meine Mutter und wie sehr er sie in mir erkennen kann. Besonders, wenn ich wieder «einer meiner Sprüche» fallen lasse. Da sagte er zu mir, und ich kann mich erinnern als wäre es gestern gewesen, «Du hattest eigentlich nie wirklich eine Kindheit, oder?» Ich war völlig perplex in diesem Moment und liess meine Kindheit Revue passieren. Ich antwortet mit «Doch ich finde schon..». Obwohl ich schon so früh, so grosse Verantwortung für mich und mein Leben übernehmen musste, war ich der Überzeugung, dass ich eine gute Kindheit hatte.

 

Immer wieder stellte ich mir selbst diese Frage, ob das wirklich so war, oder ob ich das einfach nur glauben wollte, dass es so war. Ich kam aber zum Entschluss, dass andere Kinder sicher länger «Kind» sein durften, aber ohne diese Erfahrung stünde ich heute nicht da, wo ich jetzt bin. Diese Erfahrung hat mich zu dem gemacht, was ich bin. Und ich bin verdammt (*löschen) stolz auf mich!

 

Das Kind in mir lebt noch. Es zeigt sich fast täglich und ich liebe es. Ich liebe es kindisch zu sein, Dummheiten zu machen und einfach mal ein Affentheater zu veranstalten. Ob das jetzt beim Super-schief-Singen unter Dusche, beim Tanz-Staubsaugen, Grimassenschneiden vor dem Spiegel oder Nachäffen von Leuten ist, es fühlt sich gut an! Und ich bin unendlich dankbar, dass die kleine Jessy noch in mir schlummert und sich ab und an zeigt. Sie bringt mich zum lachen und hilft mir bei der Arbeit mit mir selbst und anderen. Besonders natürlich bei der Arbeit mit Kindern. Vor meinen erwachsenen Klienten bin ich natürlich seriös und aufmerksam. Aber bei der Arbeit mit Kindern kann ich mein eigenes inneres Kind zum Vorschein bringen und mache mich so natürlich auch sehr beliebt bei den Kleinen. Ich liebe, es ihnen zuzuhören und verfolge ihre Geschichten gespannt mit (Auch wenn ich manchmal nicht ganz mitkomme, weil Kinder unheimlich schnell reden können und wichtige Details einfach mal auslassen *Lach*). Es macht solchen Spass, sich ihre Wahrnehmung der Welt anzuhören, besonders der Teil, den wir nicht mehr wahrnehmen. All die Geschichten über Feen und Zauberer, über die Geister und die Gespräche, die sie mit Gott führen. Wenn ich einem Kind einen Download gebe und sie mir genau beschreiben können, wie das aussieht und wie sich das anfühlt, ohne dass ich ihnen etwas darüber erzählt habe, dann weiss ich, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Kinder sind so einfach gestrickt und es ist so leicht, mit ihnen zu arbeiten. Ein wahrer Segen.

 

Eine meiner besten Freundinnen sagte einst: «Wir sind doch alle bloss Kinder. Kinder mit ein paar mehr Glaubenssätzen.» Damit hat sie sowas von Recht!

 

Warum ich euch diese Geschichte erzähle? Ich will euch zu verstehen geben, dass auch ich keine Bilderbuch-Kindheit hatte und früh lernen musste, «erwachsen» zu sein. Doch genau diese Erfahrungen, diese Lernaufgaben haben mich zu dem gemacht, was ich heute bin und durch meine Erfahrungen kann ich auch anderen Menschen helfen. Ich arbeite viel an mir, um das Geschehene immer noch ein bisschen besser zu verstehen und somit auch meine Klienten immer besser verstehen zu können. Ich bin froh, in einer Zeit zu leben, in der solche Möglichkeiten wie ThetaHealing und andere Methoden akzeptiert und geschätzt werden. Ich bin dankbar, in einer Welt zu leben, wo jeder einzelne die Möglichkeit hat, die beste Version seiner selbst zu werden und lernen kann, seine Vergangenheit als ein Segen anzuschauen. Ein Ort, wo jeder sein darf, was er will und wer er will, besonders wenn es darum geht, das innere Kind hervorzuholen und spielen zu lassen.

 

Also los, trau dich! Lass dein inneres Kind zum Vorschein kommen. Es wartet auf dich.